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Wikipedia verweist trocken auf die Beziehung zwischen Mensch und Raum. Man sei dort beheimatet, wo man hineingeboren wurde und die ersten Sozialisationserlebnisse stattfanden.
Sicher scheint zu sein, der Begriff "Heimat" erlebe gerade eine Renaissance. 88 Prozent der Bundesbürger stuften ihn lt. einer Umfrage als "wichtig" oder "sehr wichtig" ein,

Viele Menschen finden sogar mehrere Heimaten. Sieht man auf die Völkerwanderungen des letzten und diesen Jahrhunderts, dann wird es auch eine nächste und die vielleicht dann richtige geben.

Stefan Kuzmany erklärte es einmal so: „Sein, wer man sein will, Gleichgesinnte finden, sich am richtigen Platz fühlen: Das kann man überall auf der Welt. In Berlin, in der bayerischen Provinz oder auch in Buenos Aires. Denn Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl.“

In dem Film von Edgar Reitz DIE ANDERE HEIMAT addiert sich Heimat aus Sehnsucht und Flucht. Hungersnöte und Willkürherrschaften in der Mitte des 19.Jahrhunderts trieben Hunderttausende aus Europa ins ferne Südamerika. „Etwas besseres als den Tod findet man überall”, das war deren bittere Erkenntnis und ihre Hoffnung. Chronik einer Sehnsucht, in dem Menschen erkennen, dass nur ihre Träume von Heimat sie retten können.

Es gibt kein Synonym für Sehnsucht, auch keines für Heimat. Vielleicht greift da noch am ehestens der andere frühere Filmtitel von Reitz mit „Mittelpunkt der Welt“.

Ernst Bloch schreibt zum Schluss in seinem "Prinzip Hoffnung", Heimat sei das, was "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war".

"Solange der Mensch im Argen liegt, sind privates wie öffentliches Dasein von Tagträumen durchzogen; von Träumen eines besseren Lebens als des ihm bisher gewordenen..."

Tim Mälzer versucht in seinem Kochbuch „Heimat“ Wohlstandsüberfluss von heute mit der ehrlichen Küche von Gestern zu verbinden. Da ist schon wieder das „Gestern“. Vielleicht verbindet sich Heimatgefühl auch mit der unerklärlichen Sehnsucht nach Früher. So heisst es bei Mälzer: „Er kostete seltene Käsesorten, entdeckte eine neue Brotkultur, fuhr mit Fischern aufs Meer und sah zum ersten Mal in seinem Leben Schweine in freier Wildbahn vor Glück rennen.“ Ist Heimat auch Glück?

Heimat nur ein „deutscher Traum“? Anderen Sprachen fällt es zumindest schwer zu beschreiben, was sich hinter dem deutschen Begriff alles verbirgt. Die Heimat wurde viel besungen, gehasst und geliebt. Das Wort „heim“ stammt aus dem Germanischen, was ganz einfach Wohnplatz bedeutete, im Mittelalter gab es das „Heimatrecht“. Der Besitzer eines solchen durfte sich Haus und Handwerk zulegen.

Ob Home oder Heimat, es kann auch das Gefühl sein, wenn man nach Hause kommt und der Eine, die Liebste an der Tür steht, ja – auch wenn man zu „seiner“ Bäckerei geht. Die Begrifflichkeit und die Sehnsucht scheint zugenommen zu haben, wiederholt sich. Denkt man an die vielen Flüchtlinge von heute, erhält diese auch immer mehr soziale, kulturelle und emotionale Friedensehnsucht-Dimensionen. Nur noch von den Wurzeln der Herkunft zu sprechen, reicht nicht mehr. Viele Zuwanderer empfinden sich über eine lange Zeit hinweg als innerlich-heimatlos, bis sich durch Gemeinsamkeiten und Zufriedenheiten neue Wurzeln bilden können.

Zur Heimat gehören auch die „Dinge“ des täglichen Lebens. Für viele heutzutage auch das Internet, der Chatroom eines modernen Miteinanders und sowieso die Wohnstrasse, der Park, das Elternhaus, die Erinnerungen an Gestern. Nicht wenige Menschen zieht es zurück an diesen einen Ort, an dem sie als Kind spielten, die erste Liebe erlebten.

Wer keine Heimat empfindet oder sie nicht hat, so heisst es, ist entwurzelt. In den 60ziger Jahren "sägten" Architekten an dem starken Baum „Heimat“. Sie degradierten im sozialen Wohnungsbau den Treffpunkt der Familie, die Küche, zu einer 6qm-Abstellkammer von Lebensmitteln und Kochherd.

Ähnliches gilt im gleichen Masse für einige Städteplaner und Gemeindepolitiker, die sich mit Beton- und Glas-Baudenkmälern schmücken, teure und leblose Gemeinschaftsplätze ausdenken, denen Heimatpotenz so deutlich abgeht wie einer Grabsteinplatte das Wärmegefühl.

Nicht ausgenommen davon ist die Zerstörung, Abriss oder Verkauf von geschichtlichen und heimatbezogenen Einrichtungen wie Häusern und Plätzen. Dem früheren Dorf die Linde nehmen, wäre seinerzeit das Messer an den Wurzeln gelegt. Heimat ist ein empfindsames Gut und unverkäuflich. Man sollte sorgfältig damit umgehen. (Dieter Schäfer)