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1. Grenzen und Entgrenzung in Politik und Wissenschaft

Als mich Ladislaus Ludescher im Mai 2016 darum bat, zur Interdisziplinären Vortragsreihe Grenzüberschreitungen und Wendepunkte im Wintersemester einen Beitrag aus meinem Fachgebiet, der Medizinethik, beizusteuern, war ich gerade mit den Korrekturfahnen eines neuen Buches beschäftigt, das vor wenigen Wochen unter dem Titel „Normative Entgrenzung. Themen und Dilemmata der Medizin- und Bioethik in Deutschland“ erschienen ist.1 Ich betrachte es daher als eine glückliche Fügung, dass ich Ihnen heute über normative Konstruktions- und Entgrenzungsprozesse im Zusammenhang mit dem Hirntodkonzept und der Transplantationsmedizin aus der – natürlich individuellen und keineswegs dogmatisch unbestreitbaren – Perspektive eines Medizinethikers berichten darf.

Spätestens seit dem Herbst 2015 beschäftigt uns gerade in Deutschland das Thema Grenzen und deren politisch forcierte Öffnung...
...in einer ganz realen topographischen, demographischen und sozialen Bedeutung. Ähnlich wie vor zwei Jahrzehnten mit dem Aufkommen des Internet (ein Wort übrigens, das 1996 erstmals im Duden auftauchte) der Begriff der Vernetzung plötzlich in aller Munde war, bis er heute zu einer oft arg strapazierten, populären Metapher geworden ist, hat das Thema Grenzen und deren Auflösung, die Entgrenzung, derzeit durchaus das Potenzial, zu einem neuen interdisziplinären Reflexions- und Diskursfokus zu werden.  
  
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